Das Ziel ist klar. Die Richtung nicht. Orientierung braucht mehr als ein Ziel.

In vielen Veränderungsprojekten ist das Ziel klar. Und trotzdem fehlt Orientierung. Oft wird nur ein Teil der Geschichte erzählt.

Genau deshalb arbeite ich zu Beginn mit Kunden an einer Richtungserzählung. Sie ist für mich kein Kommunikationsprodukt. Sie bringt die Richtungsentscheidung so auf den Punkt, dass sie im Alltag verständlich und handlungsleitend wird.

Für mich braucht es vier Dinge:

01 AUSGANGSPUNKT: Wo kommen wir her und worauf bauen wir auf?
→ Veränderung beginnt nicht auf der grünen Wiese. Organisationen müssen anerkennen, was bisher geleistet wurde, was weiterhin trägt und was bewusst erhalten bleiben soll. Gleichzeitig braucht es Klarheit darüber, wovon man sich verabschiedet. Der Ausgangspunkt würdigt also das Bestehende, ohne es festzuschreiben.

02 DRINGLICHKEIT: Warum können wir nicht einfach weitermachen wie bisher?
→ Hier geht es um den Veränderungsdruck. Was funktioniert nicht mehr? Welche Risiken, Chancen oder Spannungen machen Bewegung notwendig? Und vor allem: Warum ist das für die Betroffenen relevant? Eine abstrakte Marktveränderung erzeugt noch keine Orientierung. Menschen müssen verstehen können, weshalb Nicht-Verändern ebenfalls eine Entscheidung mit Folgen wäre.

03 ZUKUNFTSBILD: Wie soll die neue Realität aussehen?
→ Nicht nur: Welche Kennzahl wollen wir erreichen? Sondern: Wie soll die Organisation künftig funktionieren? Wie wird sich Zusammenarbeit, Führung oder Entscheidungsfindung verändern? Und auf der persönlichen Ebene: Wo ist mein Platz darin? Kann ich dazugehören, wirksam sein, mich darin wiederfinden? Damit berührt das Zukunftsbild nicht nur Strategie, sondern auch Identität und Zugehörigkeit.

04 DER WEG: Was bedeutet diese Richtung für unser Handeln?
→ Eine Richtung wird erst tragfähig, wenn sie in den Alltag übersetzbar ist. Wie kommen wir dorthin? Was passiert als Nächstes? Was wird von mir erwartet?
Dabei muss nicht der gesamte Weg feststehen. Aber es braucht genug Klarheit, damit Menschen anfangen können, ihr Handeln an der Richtung auszurichten: Was muss ich am Montagmorgen konkret anders machen?

Fehlt einer dieser vier Teile, entsteht schnell eine Schieflage:

✕ Eine Erzählung ohne Würdigung des Ausgangspunktes entwertet das Bisherige. Eine Richtung, die nicht sagt, was bleibt, verunsichert mehr als nötig.

✕ Eine Erzählung ohne Dringlichkeit wirkt wie Aktionismus.

✕ Ohne greifbares Zukunftsbild ist die Veränderung eine Bewegung ohne Orientierung.

✕ Und ohne einen gangbaren Weg bleibt selbst ein überzeugendes Zukunftsbild schwer handhabbar: Wie soll das eigentlich gelingen? Und wo fangen wir an?

Eine gute Richtung erzählt deshalb nicht nur, wohin es geht. Sie verbindet Herkunft, Notwendigkeit, Zukunft und Handeln.

Lea Dingel • 28.09.2026
Lea Dingel
Ich bin Lea Dingel
und begleite Menschen, Teams und Organisationen in Veränderungsprozessen. Mich interessiert, wie Veränderung tragfähig gestaltet werden kann, ohne das Menschliche aus dem Blick zu verlieren.