Ein gemeinsames Feindbild ist ein schneller Weg zum Wir-Gefühl im Team

Ein Feindbild schweißt zusammen. Aber wenn ein Team sein „Wir“ darauf stützt, dass die anderen das Problem sind, entsteht Zugehörigkeit über Abwertung.

Solche Sätze höre ich immer wieder:
◆ „Die da oben verstehen unsere Arbeit sowieso nicht.“
◆ „Der Vertrieb verspricht wieder Dinge, die wir dann liefern müssen.“
◆ „Die Zentrale hat keine Ahnung, was hier vor Ort passiert.“

Als Führungskraft habe ich sie sicher auch selbst gesagt.

Abgrenzung kann Zugehörigkeit erzeugen. Und zwar erschreckend gut.
Ein gemeinsames Feindbild beantwortet erstaunlich schnell die Frage: „Wer sind wir?“
◆ „Wir sind die, die es ausbaden müssen.“
◆ „Wir sind die, die näher dran sind.“
◆ „Wir sind die, die wenigstens noch vernünftig arbeiten.“

Man ist im richtigen Lager. Das schweißt zusammen.
Produktion gegen Vertrieb. Zentrale gegen Regionen. Fachbereich gegen IT.

Das gemeinsame Gegenüber vereinfacht Komplexität und entlastet. Schnell ist klar, auf welcher Seite man steht. Man muss nicht sagen, wofür man sich einsetzt. Es reicht, zu wissen, gegen wen man ist. Aber das eigene „Wir“ entsteht dann über die Abwertung der anderen.

Das hat einen Preis. Die andere Seite wird immer mehr zum Problem. Unterschiede werden moralisiert. Und die eigene Beteiligung an der Dynamik verschwindet leicht aus dem Blick.

Es ist eine fragile Form von Identität, denn sie braucht den anderen als Problem, damit das eigene „Wir“ stabil bleibt.

Das heißt nicht, dass Kritik am Gegenüber unberechtigt ist. Es kann reale Zielkonflikte, schlechte Entscheidungen oder verletzende Erfahrungen geben. Zum Feindbild wird es dann, wenn aus konkreter Kritik ein pauschales „Die sind das Problem“ wird. Und wenn das eigene „Wir“ sich daran aufrichtet.

Für Führungskräfte ist das besonders verführerisch. Das gemeinsame „die da“ schafft Nähe zum eigenen Team und erspart zugleich Positionierung. Ein Feindbild liefert Identität, ohne dass eine eigene Erzählung verantwortet werden muss. Für mich ist das auch eine Form von Verantwortungsabgabe.

Führung prägt mit, woraus ein Team sein „Wir“ bezieht. Wofür wollen wir stehen? Was ist unser Beitrag als Team? Worauf wollen wir miteinander stolz sein? Auch im Zusammenspiel mit anderen.

Teams brauchen eine ehrliche, gemeinsame Erzählung darüber, wer sie sind. Diese Selbstbeschreibung zu entwickeln, ist eine Aufgabe für das ganze Team und insbesondere für die Führungskraft. Ein Feindbild sollte keine Abkürzung dafür sein.

Lea Dingel • 05.10.2026
Lea Dingel
Ich bin Lea Dingel
und begleite Menschen, Teams und Organisationen in Veränderungsprozessen. Mich interessiert, wie Veränderung tragfähig gestaltet werden kann, ohne das Menschliche aus dem Blick zu verlieren.